Anarchistischer Wein, was ist das?

Die Anarchie, der Begriff der Nicht-Herrschaft, ist für mich in jahrelanger Beschäftigung mit Fragen der Weinkultur zu einem Grundbegriff meines Entwurfs für eine moderne Ethik des Weins herangewachsen. Vor dem Hintergrund der weinwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung stellt sie einen Versuch dar, traditionelle Wertebegriffe und Besonderheiten der Weinkultur neu zu begründen, so dass sie den gegenwärtigen Herausforderungen einer globalisierten Weinwirtschaft eher gewachsen sind.


Wenn Sie Anarchie mit Chaos gleichsetzen wie der Duden es noch immer tut, oder das Stigma des bombenlegenden Anarchismus der Kaiserzeit verinnerlicht haben, werden sie die Verwendung des Begriffes vielleicht anstößig finden, oder zumindest verwirrend. Eine kurze Klärung ist daher überfällig.


Ich bin im Grunde kein politischer Anarchist, aber ich glaube, dass der Grundgedanke der Nicht-Herrschaft, des Ablehnens von Herrschaft, Gewaltausübung und Macht von Menschen über andere Menschen ein sehr guter Gedanke ist, auch wenn er – vor allem im Großen – möglicherweise nur als Utopie trägt. Im Kaleidoskop der anarchistischen Philosophien existieren viele, sehr unterschiedliche Strömungen, und sie hat neben wirklichkeitsfremd erscheinenden auch viele wertvolle Erkenntnisse geliefert. Der Anarchismus ist für die meisten Protagonisten a priori gewaltfrei und pazifistisch. Der Anarchismus misstraut großen Machtstrukturen grundsätzlich, er ist in diesem Kontext sehr modern in Bezug auf Zentralismus­ und Globalisierungskritik, kommunale Selbstverwaltung, regionale Wirtschaftsstrukturen. Der Anarchismus hat als erster die Gesellschaft ausgehend von wirklich freien Individuen gedacht. Man kann behaupten, dass die modernen Ansichten der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der partnerschaftlichen Kindererziehung, unser Idealbild der Demokratie als die gleichberechtigte Herrschaft aller (und damit niemandes Herrschaft) ihrem Wesen nach anarchistisches Gedankengut sind. Der Anarchismus wurde von einigen herausragenden humanistischen Persönlichkeiten getragen. Ich möchte hier nur Gustav Landauer erwähnen, den Pazifisten und Kriegsmahner in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Oder Leonhard Ragaz, den evangelischen Arbeitertheologen, für den das anarchistische Gesellschaftsmodell mit dem kommenden Reich Gottes zusammenfiel. Hier geht es jedoch nicht um den politischen Anarchismus, sondern um die Frage, wie der Geist des Anarchismus unser Verhältnis zur Weinkultur und zum Wein erneuern kann.


Als Ausgangspunkt soll meine persönliche Erfahrung dienen, dass wir in einer Gesellschaft leben auf der, womöglich mehr als je zuvor, ein gewaltiger Druck der Ökonomisierung lastet. Die Ökonomie ist zur Leitwissenschaft geworden, deren Prinzipien auf alle Lebensbereiche und Fragestellungen ausgreifen. Außerdem dominiert der Fortschritt der Naturwissenschaften insgesamt die gesellschaftliche Weiterentwicklung, auch in der Weinkultur.

Der erste anarchistische Akt besteht also ganz praktisch darin, der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Politik die Herrschaft, also die alleinige Richtungskompetenz über den Wein zu entreißen und eine kulturbasierte, von der vordergründigen ökonomisch-wissenschaftlichen Zweck­ oder Nutzenorientierung befreite Betrachtung zu versuchen.

Dies Bedarf schon einer kleinen anarchistischen Revolution und ich habe erlebt, wie man sich in einem weinwirtschaftlichen Fachgremium mit einem solchen Standpunkt lächerlich machen kann. Wir müssen frei und durchaus etwas radikal denken, um den Tempel des Weins zu reinigen, wo die Händler und Marktschreier ihre Verkaufsstände aufgeschlagen haben. Wein ist zuvorderst ein Kulturgut, ein Lebenssinn schaffender Teil unserer Identität, und erst dann auch Wirtschaftsgut oder wissenschaftliches Objekt. Es ist aber so, dass es in der gesamten deutschen Weinwirtschaft -auch in Ausbildung und Forschung- keine (geisteswissenschaftliche) Institution gibt, die in dieser Hinsicht ein gesellschaftlich und politisch wirksames kulturelles Regulativ darstellen würde. Fragen der weinwirtschaftlichen Entwicklung werden immer mehr ausschließlich nach ökonomischen, önologischen, sensorischen, gesundheitlichen und bestenfalls ökologischen Kriterien entschieden, oder sind gar wirtschaftspolitische Kompromisse. Das kann nicht sein! Es muss wieder einen Diskurs und eine bewusste Auseinandersetzung um die Grundwerte des Weines geben.


Anarchismus bedeutet Demut des Menschen gegenüber den Dingen die größer sind als er. Vordergründig mag es als Widerspruch erscheinen, dass das vom Menschen geschaffene Kulturgut Wein anarchistisch sein soll, sich also dem Verfügungsrecht des Menschen, seinem freien Gestaltungswillen entzieht. Aber das Kulturgut Wein ist soviel größer als ein Mensch oder als der gegenwärtige Mensch. Es ist ein Kulturkoloss, archaisch, kulturkreisfüllend. Eine 10.000 jährige Geschichte, eng mit allen Kulturen des Mittelmeerraumes und Kleinasiens verwoben, untrennbar verbunden mit der Entwicklung des christlichen Abendlandes. Millionen Christen feiern in der heiligen Messe die Verwandlung des Weines in - Gott. Dieses gewaltige Weinschiff, das durch die Zeiten segelt, ist ein kollektiver Mythos. Es wurde geschaffen von vielen Generationen und Abermillionen Menschen und es lebt in den Bildern und Vorstellungen von Millionen Menschen heute. Das Kulturgut manifestiert sich materiell in ungezählten Dingen, eigentlich wirksam ist es aber im Geiste der Millionen, die eine Beziehung zum Wein haben. Hier sitzt der eigentliche Wert des Weines mit dem die Weinwirtschaft – wirtschaftet und den zu respektieren ihre Verantwortung ist. Die Existenz der gesamten Weinwirtschaft hängt von den Bildern und Vorstellungen ab, die die Menschen von diesem Kulturgut haben, und die sich über eine so lange Zeit angesammelt haben. Sicher: Dieses Schiff bringt man nicht so schnell zum Sinken. Aber auf die Selbstverständlichkeit seiner sich ständig erneuernden Wertschöpfung zu hoffen ohne ihre Grundlagen zu respektieren, ist dumm. Jeder Teilnehmer an der Weinwirtschaft übernimmt Verantwortung für den Wein als Ganzes und wer auf diesem Schiff fährt, sollte sich gründlich Gedanken über Ziel und Kurs machen, insbesondere wenn er die Absicht hat, ins Steuer zu greifen. Ich hoffe, diese wenigen Sätze reichen, um deutlich zu machen, dass das Kulturgut, obgleich vom Menschen geschaffen, anarchistisch ist, sich vermöge seiner schieren historischen Größe und kollektiv­ geistigen Beschaffenheit der Herrschaft des Einzelnen oder auch einer Generation entzieht, dabei aber dennoch schleichenden und womöglich irreparablen Schaden nehmen kann, wenn wir seine wertschöpfenden Grundlagen missachten.


Zeit zum anarchistischen Wein selbst vorzudringen. Denn dessen anarchistische Natur steht in unmittelbarer, unauflöslicher Beziehung zu den wesentlichen Grundlagen der besonderen kulturellen und in Folge auch wirtschaftlichen Wertschöpfung des Weines. Sie ist daher auch selbst tragender Teil dieser Wertschöpfung und noch mehr: Hier fließt die Lebenskraft des Kulturgutes Wein gleichsam in ihrem Herzen zusammen. Ohne sein anarchistisches Wesen stirbt der Wein. Das ist nun etwas pathetisch und kryptisch formuliert. Es geht dabei aber um zwei im Grunde ganz schlichte und zunächst wenig geheimnisvolle Zusammenhänge. Echtem Wein kommen zwei fundamentale Eigenschaften zu: Eine spezielle Form der Natürlichkeit und Individualität.

Der Wein wird aus Trauben gewonnen, die im Weinberg wachsen. Der Charakter des Weines wird von den Trauben wesentlich bestimmt. Die Trauben wiederum werden von dem Weinberg beeinflusst, der Lage, dem Boden, den Reben selbst, der Arbeit des Winzers und ganz besonders wichtig, von der Witterung des Jahrgangs. Der Wein ist ein Kulturgut im ursprünglichsten Sinne, er entsteht durch Kultivierung der Erde durch den Menschen, aus Natur und menschlicher Arbeit. Das Klima und die Landschaft, Lage und Boden, finden wir vor. Damit müssen wir wirtschaften. Wir können Einfluss nehmen, unsere Anbaumethoden weiterentwickeln und anpassen an die Gegebenheiten, aber im Grunde sind wir ihnen ausgeliefert. Ausgeliefert sind wir auch der Witterung, jener noch immer nur ganz kurzfristig vorhersehbaren individuellen Wetterentwicklung, die ganz maßgeblichen Einfluss auf die Physiologie der Rebe und damit das Ernteergebnis hat. Die Zusammenhänge zwischen diesen Standortgegebenheiten sind komplex, so komplex, dass sie noch immer geheimnisvoll sind. Eine gute Lage ist ein Geschenk der Natur, ein Gut, das wir hoch schätzen und pflegen, weil wir wissen, dass wir willentlich nicht in der Lage sind, einen Lagencharakter zu erzeugen, zu kopieren oder an anderer Stelle zu reproduzieren. Gleiches gilt für den Jahrgang: Jeder ist einmalig und nie mehr reproduzierbar. Der Wein besitzt also eine Form von Natürlichkeit, eine Herkunft in natürlichen Gegebenheiten, die ihn maßgeblich prägt. Es ist eine Besonderheit des Weines, dass er wie vielleicht kein anderes landwirtschaftliches Produkt die Verhältnisse seiner Herkunft sowohl in Raum, als auch in der Zeit, widerspiegelt. Der menschliche Part verliert dadurch primär an Bedeutung. Selbst die Weinwerdung im Keller als mikrobiologischer Prozess, unterliegt in gewisser Weise solchen Verhältnissen. Die Milliarden Hefen und anderen Lebewesen agieren im Zusammenspiel mit den individuellen Substratbedingungen, dem Kellerklima und anderen Rahmenbedingungen in einer Weise, die sich trotz aller Bemühungen nicht vollständig kontrollieren lassen. Die Weinwerdung ist ein Lebensprozess und der Winzer hier eher der Zoowärter. Der Wein selbst nun, besteht aus hunderten Substanzen und ist nicht statisch, sondern entwickelt sich stetig weiter, hat einen Lebenszyklus. Jeder echte Wein verwirklicht das Potential der Einzigartigkeit seiner Entstehungsbedingungen, eine geradezu menschlich anmutende Individualität. Es ist ganz entscheidend, sich bewusst zu sein, dass diese Individualität im Wesentlichen natürlichen Ursprungs ist und dass sie den Wein neben seinem Wohlgeschmack aus allen anderen Getränken heraushebt. Die Vielfalt, die Persönlichkeit, die regionale und temporale Identität des Weines machen ganz wesentlich seinen Reiz und Wert aus. Und es ist nicht allein die Lage oder der Jahrgang oder der Winzer und sein Keller sondern eine, ich wiederhole mich, unwiederholbare, nie wiederkehrende, einzigartige Konstellation all dieser Gegebenheiten zueinander, die den Wein prägen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass praktisch jede Weinkultur dem unverfälschten natürlichen Charakter des Weines, der die natürlichen Gegebenheiten seines Entstehens rein und klar widerspiegelt einen besonderen Wert eingeräumt hat. Gerade gibt es mit dem Natural Wine Movement eine Bewegung, die dies wieder ins Extrem führt. Es war jedoch vor gut hundert Jahren in Deutschland, dem Land des Idealismus, dass der Begriff Naturwein geboren wurde, als Ausdruck höchster Wertschätzung individueller Lagenweine hoher natürlicher Reife (Verbot der Anreicherung mit Zucker). Das Natur hier zum Qualitätsbegriff wurde ist keine Laune der Kulturgeschichte, sondern meiner Meinung nach eine folgerichtige Entwicklung, ein Erkenntnishöhepunkt in der Weinkultur überhaupt. Individualität und Natürlichkeit sind die primären kulturellen Werte, die wir im Wein verehren. Der Wein reflektiert das Rätsel unserer eigenen Individualität, unseres eigenen So-Seins. Wir kehren immer wieder zurück und finden nie dasselbe vor, wir können viel erklären und mutmaßen aber zum Ende kommen wir nie. Es bleibt immer Geheimnis übrig. Und aus diesem Geheimnis bezieht der Wein seine Lebenskraft. Und dieses Geheimnis ist anarchistisch, denn es entsteht nur, weil wir Menschen den Wein nicht „machen“, frei gestalten oder entwerfen können, sondern nur teilhaben an einem Prozess, der weit größer ist als wir selbst. Die Natürlichkeit und Individualität des Weines zu pflegen und zu feiern, mit allen Konsequenzen, darin sehe ich die eigentliche und edelste Aufgabe des Winzers.


Die Konsequenzen sind weitreichend und können hier nur angedeutet werden. Wenn die natürlichen Gegebenheiten im Wein leuchten sollen, dann erfordert jedes Behandlungsverfahren, jeder Eingriff die gewissenhafteste Prüfung. Der anarchistische Wein negiert schlichtweg jede Markenbildung und einseitige Klassifikation, er pfeift auf Geschmackskorridore und Produktpyramiden. Der Markt ist dem anarchistischen Wein egal – er richtet sich direkt ans Herz des Menschen.

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